Auf ein „Na-sdarowje“ mit Gleichstellung

russika

Am dritten Tag erwachte unsere Abteilbegleitung. Die beiden Herren sprachen bisher kein Wort Englisch und nur das Nötigste mit Handzeichen, aber nun begann Viktor plötzlich Deutsch zu sprechen. So entstand ein kleines Gespräch. Nach dem Mittag, als Esther aus Biel bei uns im Abteil zu Besuch war, sprachen sie vom Vodka. Wir erklärten, dass wir später anstossen würden.

Jedes Mal, als ich wieder ins Abteil kam, redeten sie von Vodka und sogar der zweite Zimmergenosse brachte ein Wort Deutsch über die Lippen: Schnaps.

Als Sam bei „Nachbarn“ verweilte, boten sie mir den Schnaps an. Ich trank mit ihnen zwei Gläschen, verweigerte aber den Dritten. Da half auch Viktors „Drei lebe hoch“ nichts. Ihre Sprüche wurden nun ziemlich derb. (Die Abteiltüren waren dabei immer offen und Leute liefen im Gang hin und her). Als sie nun noch auf die Bruderschaft mit Küsschen trinken wollten, verschwand ich schnell aus dem Abteil. Am nächsten Tag achtete ich darauf, nicht mehr alleine mit den beiden Russen im Raum zu sein.

Ich überlegte hin und her, ob ich über diese Geschichte berichten soll, da es blöd von mir war, überhaupt auf das Angebot einzugehen. Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich schreibe es trotzdem, weil es mich ärgert und als Warnung: Da laufe ich in Schlabberhosen, Flipflops und Kapuzenpulli mit null Ausschnitt im Zug herum, drei Tage nicht geduscht, mit fettigen Haaren und werde von zwei älteren Russen angebaggert.

Frauen – so schön es ist, offen auf Menschen zuzugehen: in solchen Momenten müssen wir einfach knallhart sein. Es gibt zu viele Männer, die Frauen als Objekt zum Spielen sehen.

Sam bemängelte an den Vodkarunden, dass vor allem die Frauen willkommen seien – für die Männer nicht so cool. Mir wäre es auch lieber, wenn wir als Paar zu einem Vodka eingeladen würden. Darauf muss man bestehen.

Auf ein „Na-sdarowje“ mit Gleichstellung.

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Eine Antwort

  1. greyowl says:

    Schade – aber es erstaunt mich gar nicht – dass Du solche unliebsame Erfahrungen machen musste, Judith. Leider ist der sexuelle Trieb bei Männern ziemlich niedrig in der Maslowschen Bedürfnispyramide! Und, wie Du schreibst: “Im Nachhinein ist man immer gescheiter”

    P.S. Ich habe nicht gerade Freude an meinen Namensvetter!

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