Eindrücke aus China

Fast zwei Monate reisten wir durch das Land der Mitte. Manchmal vermissen wir China, vor allem wenn wir hier in Vietnam extrem abgezockt werden. Aber diese Geschichten folgen noch…

Zwei Monate, und doch sahen wir nur wenig vom drittgrössten Land der Erde. Wir reisen langsam, verweilen lieber an einem Ort als von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu hetzen. Im asiatischen Land leben 55 Minderheiten, über 90% sind Han-Chinesen. Mr. Lee in Chengdu, Sichuan Provinz, erklärte, wenn er in eine andere Provinz gehe, dann sei das wie ein anderes Land: Das Essen, die Kultur, die Menschen seinen anders.

Wenn ich hier über China schreibe, ist es nur meine beschränkte Sicht auf eine Teil von China. Wir waren nicht an der am meisten boomenden Ostküste, wo Shanghai liegt und man Hong Kong erreicht. Unsere Reise hat mein Bild von China verändert. Der grosse Drache (so nahm ich China bis jetzt wahr) zeigte uns seine sanften Seiten.

Kunming

Bauboom
Auch die Städte im Westen Chinas boomen. Hochhäuser ragen in den Himmel, Einkaufsstrassen laden zum shopppen ein, westliche Labels versuchen neue Kunden zu gewinnen. Viele Chinesinnen kleiden sich bereits H&M konform, wobei sie weniger Haut zeigen, dafür mehr Eleganz.

Ganze Quartiere werden niedergerissen, um den neuen Geschäftsvierteln Platz zu machen. Plakatwände, wie wir sie bei uns auf Baustellen mit Bildern der zu bauenden Häuser kennen, zeigen hier die Zukunft: Einkaufsgeschäfte, Cafés und lachende Menschen säumen die Promenade. Hinter den Plakaten stehen noch die Grundmauern der alten Häuser.

Wenn wir durch alte Hutongs spazierten, schmerzte uns der Gedanke, dass diese bald nicht mehr existieren werden. Trotzdem können wir den Chinesen keinen Vorwurf machen. Wer von uns möchte in den kleinen Häusern der Hutongs wohnen, die oft nicht mal eigene Toiletten haben?

Nach den Plänen der Regierung bekommen die Menschen eine neue Wohnung, wenn ihr altes Haus abgerissen wird. Oft werden sie dafür umgesiedelt. Viele Leute freuen sich über die neuen Wohnungen, da sie grösser und modernen sind. Im Buch “Getting Rich First – Life in a Changing China” von Duncan Hewitt las ich von einem Bauern, der stolz seine mit Bar ausgestattete neue Wohnung zeigte. Der neue Komfort ist für die Leute aber manchmal eine Überforderung: In alter Gewohnheit streuen sie am Morgen das Korn zum Trocknen in das Treppenhaus.

Kunming2Landenteignungen
Die andere Seite der Medaille gibt es auch. Vor einigen Wochen zündete sich in Chengdu eine Frau an, weil sie aus ihrem Haus ausziehen musste. Barbara Lüthi, China Korrespondentin beim SF, berichtete vor wenigen Jahren über die Landenteignung von Bauern in China . Das Problem ist jedoch nicht das Konzept der chinesischen Regierung, sonder die korrupten Provinzpolitiker, welche die Entschädigung für die Bauern selber einstecken.


Unglaubliches Tempo

Beängstigend ist vor allem das Tempo des Wandels. Wird alles für den Bauboom platt gewalzt, geht ein grosses Stück der alten Kultur von China verloren. Das passierte bereits in der Kulturrevolution: Bibliotheken mit ihren Schriften und Tempel brannten die Kommunisten nieder, weil sie an eine feudale Welt erinnerten. Später bereuten die Chinesen den grossen Verlust an Kulturschätzen.
Einige Menschen in China erkennen, dass in diesen Tagen ähnliches geschieht. Ein reicher Chinese kauft deshalb alte Häuser, Tempel und Pagoden und lässt sie an einem anderen Ort wieder aufstellen.

Auch die chinesische Regierung entdeckt langsam den Wert der alten Städte. In Dali bauten sie die alte Stadtmauer wieder komplett auf und renovierten Häuser und Tempel. Das gleiche in Lijang, dort bezahlen sie sogar die Einwohner, damit diese dort wohnen bleiben und den Touristen ihre Traditionen zeigen: Wie ein bewohnter Ballenberg.

Dali

Armut und Menschenrechte
Der Westen (inklusive ich ) prangert China immer wieder wegen seinen Menschenrechtsverletzungen an. Bei uns gelten die Menschenrechte für jeden einzelnen Menschen. In China steht jedoch das Wohl des Landes und seiner Gemeinschaft im Vordergrund. Individuelles Denken existiert fast nicht. Die Chinesen betonen, dass der Aufschwung in den letzten Jahren Millionen von Menschen aus der Armut holte und sich dadurch ihre Menschenrechtslage enorm verbessert hat.

Ich glaube, dass auch die individuellen Menschenrechte in China eine Chance haben. Je mehr Menschen aus der Armut kommen und sich nicht mehr den ganzen Tag nur noch um ihren knurrenden Magen kümmern müssen, umso mehr können sie ihre Augen auch für ihre Mitmenschen öffnen und sich für ihre Rechte einsetzen. Ich hoffe, dass sie auch in dieser Hinsicht eine schnelle Entwicklung zeigen werden.

Gemeinschaft statt Einsamkeit
Das Herz Chinas spürt man vor allem in den Pärken: Männer sitzen um Tische und spielen chinesisches Schach, Majong und andere Spiele, nebenan bewegen sich viele Frauen und einige Männer zum Rhythmus lauter Musik, im Gras üben Jungs Kung Fu, in der nächsten Ecke stehen ein paar Leute zusammen und musizieren. Einige hören einfach zu, andere singen mit. Es ist zwar manchmal ziemlich laut, aber trotzdem total friedlich. Eine Vereinsamung in der Gesellschaft, wie wir sie bei uns kennen, scheint es hier (noch) nicht zu geben.

In ländlicheren Gegenden waschen die Frauen am Morgen ihre Wäsche im Fluss. Nadine erklärte mir, dass in Yangshuo sich einige von diesen Frauen eine Maschine leisten könnten, aber sie gehen lieber an den Fluss um dort andere Frauen für einen Schwatz zu treffen. Zu diesem Bild gehören auch die Bauern mit ihren Büffeln. Einmal am Tag führen sie ihr Arbeitstier aus, lassen es grasen und im Fluss baden. In diesen zwei Stunden gehört ihre Aufmerksamkeit einfach ihren Tieren.
Mich beeindruckte diese Zufriedenheit der Menschen, ihre Ruhe und Herzlichkeit berührte mich oft.

Park in Kunming

Gesellschaftliche Werte
Ehrlichkeit ist bei den Chinesen nicht die wichtigste Tugend. Oft fragten wir nach dem Weg und wurden in irgend eine Richtung gewiesen. Lieber etwas falsches sagen, als unwissend sein und sein Gesicht verlieren.

Nadine, die mit ihrer Familie ein Hostel in Yangshuo führt, erzählte aus ihren Alltagserfahrungen. Wenn eine Kellnerin das dreckige Geschirr zu oft zu lange stehen lässt, dürfen sie sich nicht direkt bei ihr beschweren. Sie müssen die Kritik bei einer Arbeitskollegin platzieren, damit diese es weitererzählt.
Schwierig sei der Umgang mit Lügen, vor allem wenn man von nahe stehenden Menschen belogen werde. In China sei die Harmonie eben wichtiger als die Wahrheit.

Im ersten Moment erschreckte mich dieses Wertesystem. Aber funktionieren unsere Werte wirklich besser? Ich machte mir oft Gedanken, wie es sein könnte, wenn die USA von China als Weltmacht abgelöst würde. Diese Zukunftsvision beängstigte mich bisher eher. Unterdessen hat das Bild an Schrecken verloren.

Ehrlichkeit im Westen?
Wie genau nehmen wir es im Westen mit der Wahrheit, auch wenn sie in unserem Wertesystem höher angesiedelt wäre?
Der Irakkrieg wurde mit einer Lüge begonnen (“Wir führen einen Präventivkrieg, weil der Irak Atombomben entwickelt) und auch der Vietnamkrieg (man kann es auch beweusste Falschinformation nennen: Tonkin-Zwischenfall)! Soviel zur westlichen Politik.

Fazit:
China brachte mich zum Hinterfragen und Nachdenken, es inspirierte meinen Lebensstil in vieler Hinsicht. Ich glaube das Land braucht weiterhin unsere Ermutigung, die Menschenrechtslage, die Pressefreiheit, die Freiheit im Internet und anderes zu verbessern. Aber nicht als Besserwisser und von oben herab, sondern reflektierend und der Frage, was können wir von Ihnen lernen.

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3 Antworten

  1. sehr guter tiefgründiger Bericht – bin beeindruckt

  2. greyowl says:

    Wollte fast wortwörtlich das gleiche sagen! Danke für Deine Einsichte, Judith.

  3. Beni says:

    Deinem Fazit möchte ich ich genre anschliessen Judith, schöner Bericht.
    Ich war in China immer irgendwie zweigeteilt: Ich liebte die einfachen Chinesen auf dem Land, wie du sie beschrieben hast und ich hasste das offizielle und moderne China. Erst recht als wir nach China durch Tibet reisten! Da wurde es schon fast schwierig, sich noch an die netten inspirierenden Chinesen vom Land zu erinnern.

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