Folge Deinem Herzen

Sonntagmorgen: Wir sitzen in unserem Gästehaus auf dem kleinen Balkon beim Frühstück. Wir hören Musik und Gesang. Einige Melodien kenne ich, die Lieder ziehen mich an. Wir folgen der Musik und landen in einem Gottesdienst. Die „Full Gospel Assembly“ liegt zwei Stockwerke über unserem Zimmer.

Am Eingang schütteln uns einige Leute die Hände, so wie man das bei uns im Westen tut. Sie zeigen uns den Weg in den Gottesdienstsaal aus dem die Musik und der Gesang dringt. Singende Menschen füllen den Raum. Eine junge Frau führt uns zu zwei Stühlen nahe der kleinen Bühne, auf der drei Sängerinnen und zwei Sänger stehen. Wir schauen und hören der burmesischen Liedern spielende Band zu.

Gebet für uns zwei Schweizer
Ein älterer Mann sitz vor uns. Er begrüsst uns: „Hello, nice to meet you.“ Er notiert sich unsere Namen und Adresse und sagt, er würde für uns beten. Ich bin bewegt. Eigentlich sollten wir für ihn beten. Er wohnt in einem Land ohne Religionsfreiheit, lebt unter einem Regime, das mit Gewalt und Willkür regiert. Wenn zehn Menschen in Burma zusammen stehen und diskutieren, kann die Polizei sie fest nehmen und verhören, weil die Juntas Angst vor Verschwörungen hat.
Deshalb bin ich überrascht, dass sich hier einige Hundert Menschen treffen und gemeinsam Gottesdienst feiern dürfen. Ein Mann zeichnet alles mit einer Videokamera auf. Was der Zweck davon ist, wissen wir nicht.

Mit dem Herzen sehen
Nach den Liedern folgt eine einstündige Predigt, unsere Stuhlnachbarn übersetzen uns die Hauptaussagen, der Rest bleibt für uns unverstanden. Nach dem Gottesdienst schütteln Männer und Frauen die Hände und bedanken sich für unseren Besuch.

Beobachtet
Wir verlassen die „Full Gospel Assembly“ und treten drei Stockwerke weiter unten auf die Strasse. Beim Ausgang steht ein Abgesandter der Regierung. Eine dunkle Sonnenbrille verdecken seine Augen, der Gesichtsausdruck wirkt finster, er verzieht keine Miene. Auf der Strasse schaue ich nochmals zurück, mein Blick fällt auf die dunkle Sonnenbrille, die nun in unsere Richtung gedreht ist. Ein kurzer Moment fühle ich ein flaues Gefühl im Magen. Doch ich schiebe die Sorge auf die Seite, schliesslich kamen wir ja nur die Treppe von unserem Gästehaus herunter.

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7 Antworten

  1. Yves says:

    Beim Lesen des Posts ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen. Es wurde mir wieder mal Bewusst, wie schön wir es in der Schweiz eigentlich haben. Das ist gut so. Wir werden viel zu wenig daran erinnert und haben uns viel zu fest an die Qualitäten des Lebens hier gewöhnt.

  2. greyowl says:

    Schön, dass Ihr so weit weg Familie findet!

  3. Judith says:

    Einer der grössten Gewinne dieser Reise ist, dass man so vieles in der Schweiz wieder zu schätzen weiss! Ich hoffe, das hält nachher eine Weile an.

  4. Michi says:

    Wow – echt beeindruckend! Krass… und so vieles von diesem Mini-Bericht bleibt schmerzlich offen (was war da, was geschah, etc…)
    PS: Hatte letzthin mal die Idee/Eindruck, ob ihr in der “in 42 Tagen um die Welt”-Serie im Sommer im Talk Stil einen Abend gestalten würdet… Wäre sicherlich sehr bereichernd!

  5. Judith Steiner says:

    @Michi Ist also wieder eine solche Serie geplant? Mh, wir können mal darüber nachdenken. Wahrscheinlich bräuchtest Du die Antwort aber ziemlich bald, oder?

  6. Michi says:

    @Judith Nicht sooooooo bald :-) . Ca. Anfang Juni wäre toll, wegen dem Flyer… Frei wäre lediglich noch der 8.August – aber ich fände es echt super, wenn wir einen Aspekt/Land/Eindruck/Kultur (oder so) eurer Reise nehmen könnten.
    PS: Die weitere Konversation, wenn es ein Thema für euch ist, können wir aber dann per Mail weiterführen…

  7. Wenn ich so an meine Paranoia denke, dann wurde wohl, zur Sicherheit, der Gottesdienst aufgezeichnet, um potentielle “Verschwörer” zu entdecken…
    Manchmal beeindruckt es mich unglaublich welche Kraft Menschen entwickeln können, denn sie aktzeptieren Ihr Leben, wie es ist und schöpfen Kraft daraus. Damit meine ich nicht, dass sie stehen bleiben, nein, aber seine Umgebung wahrzunehmen und sie zu akzeptieren ist ein wichtiger Schritt, um etwas verändern zu können.

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