mEin Kind
Seit 30 Jahren gilt in China die Ein-Kind-Politik. In den Städten setzt sich diese Politik durch. Auf den Strassen sind selten Familien mit mehr als einem Kind zu sehen. Auf dem Land ist es anders. Die Bauernfamilien sind auf mehr Kinder angewiesen, sie sind wichtige Arbeitskräfte und sichern die Altersvorsorge. Dort wurden die Gesetze deshalb zum Teil gelockert.

Kindergarten für die ganze Woche
Háizi, heisst Kind auf Chinesisch und tönt wie das Schweizerische “heize” im Winter. In Xian verabredeten wir uns mit einer Mutter und ihrem “Háizi”. Für Nichtchinesen nennt sie sich Cissie. Bevor wir uns trafen, holte sie ihren vierjährigen Sohn im Kindergarten ab, danach schlenderten wir zu viert durch den Markt im Moslemquartier. Ihr Sohn war total aufgedreht. Immer wieder knuddelten die beiden sich. Cissie erklärte: “Am Freitagabend ist er immer so, wir haben uns die ganze Woche nicht gesehen und er freut sich, wieder bei mir zu sein.” Ihr Sohn bleibt vom Montagmorgen bis am Freitag im Kindergarten, das Wochenende verbringt er Zuhause. Für die junge Englischlehrerin ist das völlig normal, sie müsse unter der Woche arbeiten und habe keine Zeit für ihren Sohn.
“Meine Tochter soll mich nicht nur einmal im Jahr sehen”

Ganz anders erlebte es noch die letzte Generation. Ying lebt in Chendu. Sie wuchs mit ihrem Bruder hier bei ihrer Grossmutter auf. Ihre Eltern sah sie einmal im Jahr. Ihr Vater arbeitete als Eisenbahningenieur und war deshalb im ganzen Land unterwegs. Ich fragte sie, wie sie diese Trennung in Erinnerung habe. Ying meinte: “Ich war ein Kind und weiss nicht mehr gut, wie es sich anfühlte. Es war normal. Aber ich hatte eine viel tiefere Beziehung zu meiner Grossmutter, sie war meine Mutter.” Sie fügte an, dass sie mit ihrer Tochter nicht das gleiche erleben wollte. Ihre Tochter ist jetzt 15 und studiert Englisch. Unter der Woche wohnt sie auf dem Campus der Universität. Aber am Wochenende ist sie Zuhause. Letztes Jahr verbrachten Mutter und Tochter gemeinsame Ferien in Europa. Auch in der Schweiz, unter anderem in Horgen:-) .
Schweizer “Grossfamilie” fällt auf
Heute assen wir mit einer Schweizer Familie Zmittag, die hier in Chengdu lebt. Sie haben zwei Töchter im Alter von 7 und 5 Jahren und noch einen etwas jüngeren Sohn. Zurzeit gehört noch ein 3 1/2 Monate altes Pflegkind zur Familie. Die Familie scheint für die Chinesen fast ein kleines Wunder zu sein. Während wir im Restaurant sitzen, schauen die Leute immer wieder zu unserem Tisch und ihre Augen leuchten dabei. Die siebenjährige Tabea erzählt: “Manchmal kommen Frauen und machen so”, sie streichelt sich über die Wange, “und dann sage ich ‘bu yiao’, das heisst ich möchte das nicht, und dann machen sie das aber trotzdem.”
Als wir unsere Jacken anziehen um wieder nach draussen zu gehen, stehen die drei Kinder zwischen uns und einem Tisch, umrundet von älteren Chinesinnen. Alle schauen die Kinder an und ein breites Lachen liegt auf ihrem Gesicht. Tabea übernimmt wieder das Wort: “Manchmal schauen uns alle so an und das haben wir gar nicht gern.” Dann flüchten die beiden Mädchen nach draussen.
Hello, hello
Die Kinder sehen hier im Alltag meistens nur dunkelhaarige, kleine Chinesen. Manchmal schauen sie uns mit grossen Schlitzaugen an. Ab und zu folgt ein “Hello”.
Als wir Xian am Bahnhof auf den Zug nach Chengdu warteten, diesmal waren wir zwei Stunden früher da, rannte ein kleiner Junge vor uns hin und her und rief jedes Mal “hello”. Ich grüsste ihn mit “Hello, ni hao, hallo” und den gleichen Faxen zurück. Nach einer halben Stunde war ich des Spiels überdrüssig, vor allem wünschte ich mir wieder etwas weniger Aufmerksamkeit im Wartesaal. Ich zückte mein iPhone und lud den Knirps zu einem “DoodleBuddy” ein, eine Art “Fingermalapplikation”. Mit dem Zeigfingerchen rubbelte der Dreikäsehoch auf meinem Display herum und quitschte vergnügt. Als seine Mutter ihn rief, zottelte er davon, drehte sich noch einmal um und hauchte uns eine letze Kusshand zu.
Weiter Infos zur Ein-Kind-Politik in China:
Wikipedia
China Blog


Interessante Eindrücke, Judith.
Zufälligerweise gibt es heute bei der BBC einen Bericht über gestohlene und gerettete Kinder, die intern in China an kinderlose Familien verkauft werden sollten: http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/8329172.stm