Vietnam & Kambodscha – so nah und doch so verschieden

Silberpagode in Phnom Penh

Letzte Woche verliessen wir Vietnam. Auf dem Mekong überquerten wir mit dem Boot die Grenze zu Kambodscha. Unser Boot brauchte acht Stunden um von “Chau doc” nach Phnom Penh zu kommen.

Erstaunlich, wie unterschiedlich Vietnam und Kambodscha sind. Seit einer Woche sind wir in der kambodschanischen Hauptstadt. Die Haut der Menschen hier, ethnische Khmers, ist viel dunklere Haut und die Augen sind runder. Ihr Aussehen erinnert mich manchmal eher an Nordafrikaner.

Junge Bevölkerung
Bemerkenswert sind die vielen jungen Leute. Über 50% der Khmer sind weniger als 20 Jahre alt. Hier gibt es keine Einschränkung für die Vermehrung der Familie, im Gegensatz zur Zweikinderpolitik in Vietnam. Auf den Strassen von Phnom Penh begegnet man fast keinen alten Menschen. Unter anderem ist das eine Folge des Genozids durch die rote Khmer. Zwischen 1975 und 1978 trieb das kommunistische Regime die Menschen aus der Stadt und tötete über 2.5 Millionen Menschen (1/4 der ganzen Bevölkerung). Die Stadtmenschen waren in ihren Augen wertlos, weil sie kein Reis anpflanzten und wie die Bauern arbeiten konnten.
Auf dem Foto sieht man einige Opfer des Völkermordes durch die Rote Khmer.

Genozidopfer der Roten Khmer
Reichtum und Armut
Der erste Blick auf Phnom Penh weckt das Gefühl, Kambodscha sei reicher als Vietnam. Während in Hanoi Tausende von Motorrädern die Strassen verunsichern, gibt es hier auch viele Autos. Vor allem die grosse Anzahl an teuren, schwarzen SUV (Sport Utility Vehicles) der Marke Lexus fallen auf.
Es entstehen Parks und hohe Appartementhäuser. An fast jeder Ecke strahlen Tempel in neuem Glanz, die nach der Zerstörung durch die rote Khmer wieder aufgebaut wurden.
In Kambodscha liegt das durchschnittliches Jahreseinkommen bei 550$ (2007), viele Khmer müssen mit einem Dollar pro Tag auskommen. In Vietnam liegt das Jahreseinkommen bei 770$. Der Unterschied wird vor allem auf dem Land sichtbar. In Kambodscha haben 80% der Bevölkerung keine Elektrizität, in Vietnam ist das Stromnetz auch auf dem Land schon ziemlich gut ausgebaut.

Hohe Preise
Das Leben hier in Phnom Penh ist für uns Traveler teurer als in Saigon. Weil Kambodscha ausser der Kleiderproduktion praktisch keine Industrie hat, gibt es viel Importgut.
Internetanschluss ist in den wenigsten Hostels inklusive. In unserem Hostel “Okay” kostet das W-Lan 2$ extra pro Tag und es ist extrem langsam. Privatinternetanschlüsse kosten in Phnom Penh rund 100 Franken im Monat, wobei man 2 GB im Monat herunterladen kann, danach wird das Internet sehr langsam. Dafür existiert keine staatliche Internetzensur.

Politisches
Vietnam ist eine sozialistische Volksrepublik mit einem Einparteiensystem. Alle fünf Jahre wird die Nationalversammlung, nach Verfassung das höchste Organ staatlicher Macht, gewählt. Die Kandidaten werden von der Kommunistischen Partei Vietnams vorgeschlagen. Hi, ein Vietnamesischer Reiseführer meinte: “Die Wahlen sind eine Farce, die werden von der Regierung nur durchgeführt, um im Ausland gut anzukommen. Hi kämpfte im Vietnamkrieg an der Seite der Amerikaner gegen die Kommunisten.

Kambodscha hat eine konstitutionelle Monarchie. Der König geniesst grosses Ansehen, verkörpert jedoch eher eine symbolische Funktion. Die Nationalversammlung wird alle fünf Jahre vom Volk gewählt.

Korruption regiert
Leider regiert in Kambodscha vor allem die Korruption. Elisabeth, eine Schweizerin, die seit 14 Jahren in Phnom Penh lebt, erzählte uns ein Beispiel aus dem Alltag: “Wenn ich bei orange über die Ampel fahre und hinter mir gibt ein Lexus Gas und passiert die Kreuzung noch bei rot, werde ich herausgenommen.“ Eine Freundin von ihr habe sich nach einer solchen Situation beim Verkehrspolizist beschwert, dieser erklärte ihr, dass er den Lexus nicht heraus nehmen dürfe.

Das gleich passiere auch bei der Parkplatzsuche. Elisabeth wartete bei einem Einkaufszenter auf einen freien Parkplatz. Endlich fuhr jemand weg. „Als ich mein Auto in die Lücke parkieren wollte, kam der Platzeinweiser, stoppte mich und winkte den mächtigen Lexus auf den Parkplatz“.

Transparency international veröffentlicht jedes Jahr eine Liste zur Korruption weltweit. Je mehr Korruption in einem Land herrscht, desto weiter hinten taucht das Land in der Liste auf. Kambodscha belegt Platz 160 (von 180).

Unsere Pläne für Kambodscha
Sam und ich verbrachten eine Arbeitswoche in Phnom Penh. Wir drehten ein Porträt über Familie Sommer, die seit 14 Jahren in Phnom Penh lebt. Weil morgen chinese New Year beginnt und dann die Hotels oft ausgebucht sind, werden wir erst nach den Feierlichkeiten weiterreisen. Mitte nächste Woche fahren wir in de Süden nach Sihanoukville und werden einige Tage am Meer verbringen, bevor es zum grössten sakralen Gebäude der Welt geht – Angkor Wat.

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9 Antworten

  1. greyowl says:

    Interessant. Wenn man die Korruptionsliste anschaut, kommt bald die Frage hoch, ob wir im Westen mit anderen Massstäben messen bzw. andere Ehrlichkeitswerte haben als in Afrika/Asien. Ist das wieder der Unterschied zwischen einer Schuld- und einer Schamkultur?

    Ist der Schluss des Beitrags abgeschnitten?

  2. Judith says:

    Sorry, ich habe den Beitrag aus Versehen gestern veröffentlicht, er war noch gar nicht fertig.

    Ich glaube hier ist es weniger ein Problem der Schamkultur. In Kambodscha herrscht ein patriarchales Wertesystem. Man muss immer Stärke zeigen. Familie Sommer erzählte, dass ein Mann nicht zeigen oder sagen darf, dass er seine Frau liebt, weil das als Schwäche gilt. So geht es auch bei jedem Geschäft darum der Stärkere und Schlauere zu sein.
    Bereits der symphatische Gruss hier, die Hände vor der Brust zusammen zu halten und zu grüssen beinhaltet gewisse gesellschaftliche Regeln. Gegenüber einem Buddhistischen Mönch müssten die Hände vor Gesicht gehalten werden, bei “Gleichgestellten” vor der Brust. Bettler und Putzpersonal sollten überhaupt nicht mit dieser Geste begrüsst werden. Auch die Sprache widerspiegelt solche Hirarchien.

    In Kambodscha kommt noch das Elend der eigenen Geschichte dazu. Das Verbrechen der Khmer wurde lange nicht aufgearbeitet und die Schuldigen nicht zur Rechenschaft gezogen. Nachdem die rote Khmer aus der Hauptstadt vertrieben wurden, bot ihnen die Neue Regierung zweimal eine Amnestie an. Diesen Straferlass nutzten viele der roten Khmer und liefen zur Regierung über. Also sitzen heute Nachkommen dieser Partei wieder in der Regierung.
    Erst 2007 wurde ein Gericht gegen diese Verbrechen gegen die Menscheit eingerichtet. Pil Pot war unterdessen im Exil gestorben.

  3. Judith says:

    Heute erzählte mir eine Journalistin, die seit einem Jahr in Kambodscha arbeitet, dass die Nachrichten hier auch gefiltert sind und die Regierung nun mehr und mehr auch das Internet kontrollierten will. In diesem Bereich eifern sie also Vietnam und China nach, was sehr schade ist.

  4. Andie says:

    Mega interessant. Aber warum gerade werden Lexus Fahrer becorzugt? Sind die Vehikel nur Personen mit einer gewissen Stellung erhältlicg, ungeachtet des Geldes? Also quasi eine Machtdemostration auf der Strasse durch das Auto statt die Uniform?

  5. @Andie Ich weiss auch nicht genau, wie es funktioniert, wer und wie man genau einen Lexus kauft. Die Gesellschaft hier funktioniert aber in erster Linie mal so, dass Reiche auf einer andren gesellschaftlichen Ebene sind. Bettler sind im Gegensatz gar nichts wert. Wer mit einem Lexus Reichtum präsentieren kann, ist vom Ansehen und den Rechten her einfach schon mal auf einer anderen Ebene. Aber das ist jetzt einfach mal meine Interpretation. Vielleicht finde ich da noch mehr heraus.

  6. Andie says:

    Krass durch was Macht/Stellung alles ausgedrückt werden kann! Überleg mir gerade ob es da eine schweizerische Parallele gibt.

  7. Judith says:

    Das habe ich mir auch überlegt, aber ich glaube solch sichtbare Korruption gibt es in der Schweiz wirklich nicht.

  8. greyowl says:

    Das finde ich schön in der Schweiz: Der Firmenchef wohnt neben dem Buschauffeur, der Lehrerin, dem IT-Fachmann und der Bäckerin. Einer fährt Corvette, der andere Corsa, ohne dass man sich gross darüber Gedanken macht. In England war es nicht so: Wenn Du nach langem Streben eine höhere Kaderstelle bekommen hattest, warst Du stolz, Dein 1.6L Firmenauto durch das genau gleiche Modell mit 2.0L tauschen zu dürfen, und Du hast Dein Haus auf den Merkt gestellt, um in eine ‘bessere’ Strasse ziehen zu können!

  9. Judith says:

    Ich las kürzlich über China, wo täglich Tausende von neuen Autos auf die Strasse kommen, dass der gesellschaftliche Druck in der Wahl des Autos riesig ist. Wenn dein Arbeitskollege mit dem gleichen Lohn wie du ein neues Auto kauft, musst du auch ein Auto dieser Preisklasse kaufen, damit du nicht das Gesicht verlierst.
    Ich schätze in der Schweiz auch die grössere Individuelle Freiheit. Wobei auch die Schweiz nicht ganz frei von solchen Zwängen ist.

    Was ich witzig finde: In der Schweiz kaufen sich die meisten Ehepaare, wenn das erste Kind unterwegs ist, ein grosses Familienauto. In Vietnam packt man die Kinder mit aufs Motorrad und fährt so zu viert, fünft oder sogar zu sechst durch die Strassen. Wir haben uns manchmal überlegt, wer in solchen Dingen nun freier ist, die Vietnamesen oder die Schweizer?

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